BERICHTIGUNG - "Jubiläumsbroschüre 150 Jahre Schach in NRW"

Erstellt am Montag, 02. April 2012 15:39
Geschrieben von Ralf Niederhäuser

Anlässlich des 150jährigen Bestehens des Schachbundes Nordrhein-Westfalen wurde eine hervorragende Jubiläumsbroschüre herausgegeben. Wer schon mal so was zusammengestellt hat, weiß die Arbeit der Redaktion hoch zu schätzen. An dieser Stelle nochmals ein Dankeschön an die Macher.

Nun zeigt das Leben immer wieder, dass irgendwie, irgendwo ein Fehler passiert. So auch hier. Der Irrtum wird nunmehr in Übereinstimmung mit dem vormaligen Präsidenten, Herrn Dr. Hans-Jürgen Weyer, bereinigt. Natürlich kann das Heft nicht mehr neu gedruckt und verteilt werden Jedoch das Dementi und die Möglichkeit, sich zu distanzieren, werden  genutzt. Die Berichtigung wird nicht nur im Kongressheft sondern auch auf der Home-Page des SB veröffentlicht werden.

Darüber hinaus wird der Deutsche Schachbund informiert, damit dieser evtl. seine Historie ebenfalls berichtigen kann.

Über 4 Seiten werden in der Jubiläums-Broschüre „Schach-Persönlichkeiten aus Rheinland und Westfalen“ vorgestellt. Unter ihnen wird Kurt Jahn aufgeführt.
Die Schach-Vita des Herrn Jahn ist beindruckend. Schon 1924 war er Schatzmeister des Westfälischen Schachbundes und nahtlos bis 1965 in hohen Funktionärspositionen der Schachorganisationen verankert.
Von 1937 bis 1945 wurde er in die Leitung des Großdeutschen Schachbundes (GSB) einberufen. Sein schachliches Engagement hat er nazigetreu der Hitlerdiktatur zur Verfügung gestellt.

Welche Aufgaben hatten der GSB und damit seine führenden Funktionäre (zum Beispiel: Kurt Jahn)?

- Die Arisierung der untergeordneten Vereine (Juden raus),
- Das Schrifttum von Partien jüdischer Schachfreunde zu bereinigen (z. B. Lasker-Siegpartien wurden gelöscht bzw. in Verlustpartien wurde der Weltmeister aufs übelste diffamiert)
- Politisch unliebsame Gesellschaftsschichten waren  aus der Organisation zu verbannen (Arbeiterschach, SPD, KPD, Katholiken)
-  Das Schachspiel wurde ideologisch für den (2. Welt)-Krieg eingesetzt (Soldaten mittels Schach zur geistigen Wehrkraft zu erziehen)
-  Die Kriegspropaganda wurde mit Schach unterstützt (Soldaten erhielten per Feldpost ein flaches Pappspiel zugesandt)
-  Die Fachsprache wurde verändert (Statt auf Matt spielen dann „Kampfgegner niederringen; Kampfschach, Kampfstaffeln ins Feuer schicken, Kampfstätte, Torpedoangriff usw.)

Der Dortmunder Schachhistoriker Siegfried Zill berichtet:
„Spannende Schach-Geschichte schrieb auch die Nazizeit, in der die Arbeitervereine verboten wurden, in der auch der damalige Leiter des Westfälischen Schachbundes, Kurt Jahn, linientreu agierte. Und sich dafür einsetzte, dass die „wilden Vereine“, sprich die Arbeiterschachvereine, verboten wurden.“

In seiner Antrittsrede sprach der Bundespräsident Joachim Gauck die Nachkriegsjahre an:
„Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in dieser Zeit (nach 1945 bis in die siebziger Jahre, der Verf.) blieb allerdings defizitär. Die Verdrängung eigener Schuld, die fehlende Empathie mit den Opfern des Naziregimes prägte den damaligen Zeitgeist. ….“
Die Aussage stimmt, als Beispiel sei Dr. Adenauer genannt, der als engsten Mitarbeiter eine Nazigröße an seine Seite installiert hatte.
Herrn Jahn als Mitläufer einzustufen und somit von Schuld freizusprechen, ist mit Hinblick auf seine ehemalige Position während der Kriegsjahre eindeutig auszuschließen. Mit Hinblick auf die von J. Gauck angesprochene Zeitgeschichte werden Ehrungen vergangener Zeiten nicht beurteilt.

Die Verpflichtung zur Selbstverantwortung des SBNRW  gebietet heute die nachfolgende Berichtigung:

Herr Jahn wird ab sofort aus der Ehrengilde der Schachpersönlichkeiten aus Rheinland und Westfalen gestrichen. Der SBNRW distanziert sich auch von der gesamten Schach-Vita des Herrn Jahn.

Der SBNRW betrachtet seine Entscheidung als Verbeugung vor den vom Naziterror benachteiligten Schachspielerinnen und Schachspielern. Des Weiteren entschuldigt sich der SBNRW bei den durch Herrn Jahn betroffenen Opfern.

Der SBNRW bedankt sich ausdrücklich bei dem Schachfreund Peter Pinnel, der das Thema kritisch aufgriff.

Ralf Niederhäuser
(Präsident)