"Schach kann wahnsinnig machen"

Erstellt: Dienstag, 21. Mai 2013 15:40
Veröffentlicht von Chadt-Rausch

KAFFEEHAUS-SCHACH Im "Tag und Nacht" wird die Tradition dieser Variante des Spiels wiederbelebt
Von Dirk Risse - Gedämpftes Licht, rustikale Tische und eine Natursteinwand. Die Wirtin des Bistro "Tag und Nacht" läuft durch den Raum, serviert Cappuccino, Kölsch und Wasser, aus dem Radio säuselt Kim Wildes "Kids In America". Es ist laut und bodenständig, ein bisschen wie in den 80ern. Einen Ort zum Schachspielen stellt man sich eigentlich anders vor - ruhiger. Doch ganz hinten im Bistro am Zülpicher Platz sitzen zwölf Spieler konzentriert über Brettern und Figuren, andere diskutieren über Eröffnungszüge oder schimpfen schon einmal ein bisschen vor sich hin. Reza Azimi lächelt und sagt: "Hier können schon mal die Fetzen fliegen." Im Gegensatz zum Vereinssport sei Bistro-Schach eine hoch emotionale Angelegenheit.

Azimi und sein Bekanntenkreis haben auch in diesem Jahr wieder ein Blitzschach-Turnier für nichtorganisierte Spieler ausgerichtet und wollen an Orte erinnern, in denen Schachfreunde früher ganze Nachmittage dem Brettsport widmeten: ans Kaffeehaus. Azimi besaß mit dem "Rasusch" von 1976 bis 1984 selbst ein solches Kaffeehaus an der Zülpicher Straße. Damals spielten Dutzende Studenten bei ihm, heute sind nur zwölf Schachfreunde gekommen - unter ihnen auch der dreifache deutsche und siebenfache tschechische Meister Vlastimil Hort. Dessen Name findet man auch im Guinness-Buch der Rekorde, weil er im Jahr 1985 ganze 636 Schachpartien spielte. Simultan. Im "Tag und Nacht" wird er von den Hobbyspielern nicht wirklich gefordert.
Egal, es geht um Spaß. Mehr noch, um ein Kulturgut: das Kaffeehaus-Schach. Ende des 18. Jahrhunderts haben es französische Adelige kultiviert, in Wien und Berlin erlebten die Kaffeehäuser und mit ihnen das Schachspiel im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine weitere Blütezeit, erläutert Ralf Niederhäuser, Präsident des Schachverbands Nordrhein-Westfalen. In Cafés wie dem Wiener Central oder dem Pariser Café de la Regence verkehrten die Intellektuellen, darunter Philosophen wie Denis Diderot, Jean-Jacques Rousseau und US-Gründervater Benjamin Franklin, der eine Abhandlung über das Schach schrieb.
In Köln sind außer dem "Tag und Nacht" nur wenige von den Spielstätten aus den 70ern geblieben. Gajdacs Zakarias von Temeschburg, den alle nur Joschi nennen, kennt die Szene von damals noch recht gut. 1958 hat er das Schach im Krankenhaus lieben gelernt: Da war er fünf Jahre alt, hatte aus Versehen aus einem Glas mit Natriumlauge getrunken und musste mit schweren Verätzungen in der Speiseröhre ins Hospital im serbischen Palics eingeliefert werden. Schwestern und Mediziner pflegten den Jungen so gut, wie es ging, und wenn der Röntgenarzt seine Untersuchungen machte, spielte er mit Joschi eine Partie Schach. Seitdem ist Joschi dem Denksport treu geblieben. Im Tag und Nacht sitzt er nun mit Westernjacke und Cowboyhut, der von einer Geierfeder geschmückt wird. Wenn er sagt: "Schach ist etwas für Individualisten", glaubt man ihm das aufs Wort.
Jazzmusik, politische Diskussionen und eben ganz viel Schach wurden in Kaffeehäusern wie dem Campi an der Hohe Straße gespielt, in dem man schon auf Prominente wie Alfred Biolek traf. Später wechselten die Schachfreunde die Lokale, spielten unter anderem im La Perla und im City Treff. Aus dem Vereinssport war Joschi da schon längst ausgestiegen. Ständig habe er die Partien im Kopf mit sich getragen, selbst wenn die Brettschlachten längst geschlagen waren. "Schach kann wahnsinnig machen."
Auch Schach-Präsident Niederhäuser denkt mit Wehmut an die 70er Jahre. 90 000 organisierte Schachspieler gebe es derzeit in Deutschland, aber es werden weniger. "Dafür gibt es vermutlich Millionen, die unorganisiert spielen." In der Kneipe, daheim vor dem Computer. Das Image, die steife Atmosphäre in manchen Schachvereinen halte viele Menschen davon ab, in die Clubs zu gehen. "Wir haben uns von der Lebensrealität entfernt", räumt er ein und fordert mehr Familienturniere und mehr Schachunterricht in den Schulen. Und ein bisschen mehr Emotionen. "Es muss ja nicht gleich wie im Fußball zugehen." Aber vielleicht wie im Kaffeehaus, in dem getrunken und gegessen und ziemlich viel gequatscht wird.
Der Artikel wurde im Kölner Stadtanzeiger am 16.05.2013 veröffentlicht.